Oktober 2009
31.10.2009, Max-Morlock-Stadion
1. FC Nürnberg - SV Werder Bremen 2:2
Ach du heilige Scheiße, was drehte sich denn bitte da für eine selten schlechter Film vor meinen Augen? War ja schlimmer als der Angriff der Killertomaten und fast so unerträglich wie Zahnschmelz oder verhornte Hacke (laut Oleg zumindest). Nicht mal elf Minuten waren in Nürnberg gespielt, als die Hintermannschaft unserer Équipe bereits zum zweiten Mal nen glatten Filmriss hatte. Anwärter auf die Goldene Himbeere waren diesmal, ganz unerwartet, Naldo und Tim Wiese. Völliges Durcheinander! Und der Club hätte gar noch höher führen können, wenn da mal etwas pfiffigere Stürmer das Drehbuch in die Hand genommen hätten.
Die Anfangsphase gestaltete sich also absolut chaotisch, im Prinzip genau so wie unsere Planungen für die Anreise zum Kick in Franken. Nach endlosem Hin und Her zwischen den Transportmöglichkeiten (Zug, Bus, Auto, Moped und Fahrrad) erhielt die fast schon luxuriöse Karre von Nico den Zuschlag. Der Gute konnte uns kostengünstig, fix und mit allerhand Lebkuchen im Auto verzücken. Danke dafür!
Vor dem Stadion wurden zunächst unsere Stadionverbotler begrüßt, dessen Kreis sich binnen der letzten Tage beschissenerweise auf 23 erhöht hat.
UN bot unseren Ausgesperrten an, in einer ihrer Kneipen das Spiel zu verbringen. Nette Geste, die so auch nicht alltäglich ist. In der Nordkurve erblickten derweil tausende rot-schwarzer Zettel das Tageslicht, die sich der 50+1-Thematik widmeten. Im Gästeblock schraubten die vier Ultrasgruppen am leicht quietschenden Support, wenngleich die beiden Gegentore wahrhaftig nicht zur Besserung der Stimmungslage beitrugen. Die Regie hätte womöglich völlig neu besetzt werden müssen, wenn da nicht ihr funkelnagelneuer Stern am Himmel, die lokale Leinwandgröße Aaron Hunt das Ding gedreht hätte. Die vierte Minute der Nachspielzeit lief, als Aaron "The King of Cool" Hunt aus einem 0:2 noch den Ausgleich machte. Einmal komplett Ausrasten in der XXL-Packung, bitte! Nach dem 2:2 war die Stimmung in etwa so wie bei Paul Gascoigne nach der zweiten Flasche Whiskey, einfach ausgelassen, tobend, glücklich. Was so ein Punktgewinn beim Aufsteiger doch auslösen kann. Noch lange wurde im Block gesungen, der Stadionverbotler gedacht (Schönen Dank an Sebastian Boenisch für die solidarische Geste) und letztlich unter lauten Chants das Stadion in Richtung Diffidati verlassen. Gegen alle Stadionverbote!
Ein Foto: faszination-nordkurve.de
25.10.2009, Ruhrstadion
VfL Bochum - SV Werder Bremen 1:4
Wie singt Herbert Gröhltdaeiner jedes Mal, wenn es mal wieder um seine sympathisch graue Heimatstadt geht?! "Du bist das Himmelbett für Tauben!
Und ständig auf Koks!" - Treffender können meine Eindrücke, die ich zwischen Bochum Hauptbahnhof und Südring alle Jahre wieder erlebe nicht beschrieben werden. Da wird ungelogen jedes Mal, wenn ich hier aufschlage feinstes Kino in Form von pöbelnden Kunden, blutenden Hackfressen und kreischenden Frauen geboten, bis Toto und Harry einschreiten. Herbies besungene Vogelschar ist da noch das kleinste Übel. Da uns dieser ganze Murks aber zu blöd wurde und wir eh noch massig Zeit hatten, schlugen wir den Weg in die Tiefen des Kohlepotts ein. Nach zwanzig Minuten gelangten wir zum Profi-Grill, der einmal mehr mit reichlich fettigen Speisen aufwarten konnte. Anschließend zogen wir uns noch den Landesliga-Kracher zwischen Schwarz-Weiß Wattenscheid (Tabellenerster) und dem FC Brünninghausen (Zweiter) rein, wobei die 30 mitgereisten Fans vom Dortmunder Stadtteil-Club sich hier eine dicke 0:6-Packung abholten. Ich weiß, es interessiert euch eh nicht, aber auch solche Sachen zählen zu meiner Vergangenheitsbewältigung! ;-)
Ab ins Ruhrstadion, in dem heute augenscheinlich keine Nazis zum Vorschein traten. An ähnlicher Stelle, an der letztes Jahr die NSHB-Fahne gehisst wurde, hing nun übrigens das große "Weserstadion und sonst wo - kein Platz für Nazis!"-Banner. Entgegen der sonstigen Zugvariante, wurde Bochum heute von drei Ultras-Busse aus Bremen angesteuert. WB und UTB platzierten sich im Gästeblock, IY und RV im angrenzenden Sitzplatzbereich. Mal abgesehen von der wirklich schludrigen Anfangsphase, in der der VfL uns nicht nur sein Abstiegs-Korsett ablegte sondern die Grün-Weißen mit 0:1 in Rückstand brachte, war das heute mal wieder ein rundum gelungener Auftritt, mit (fast) allem, was dazu gehört. Zum lauten, wirklich schönen Gesang gesellten sich vier Tore von Hunt, Marin (erstes Tor für den SVW!), Borowski und Özil. Als optische Hilfsmittel dienten Fahnen und Doppelhalter und da sich der Großteil der Werder-Fans 90 Minuten lang das Einmaleins der Stadion-Lebhaftigkeit gab (Hüpfen, Schunkeln, Pogen) ersparten sich diejenigen auch den Gang ins Fitnessstudio. Übrigens bietet der Gästeblock in Bochum ja ein in Bundesliga-Stadion fast einmaliges Klettererlebnis, das einen zumindest ansatzweise an Träume von Südamerika herankommen lässt. In Wirklichkeit war ich dann aber doch nur irgendwo tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, als ich mich im Ballfangnest, auf dem Zaun stehend, festhielt und die nach Abpfiff auf mich zukommenden, gut gelaunten Spielern sah.
Viele Grüße an unsere Neffen und Nichten aus Essen.
24.10.2009, Georg-Melches-Stadion
SC Rot-Weiss Essen - SC Preußen Münster 1:1
In letzter Zeit - oder sagen wir besser, in den letzten zwei Jahren, tue ich mir echt keinen großen Gefallen, wenn ich Rot-Weiss Essen besuche. Im Prinzip fahre ich wegen eines Freundeskreises, der sich für mich in den letzten drei bis vier Jahren dort aufgebaut hat, hin. Was anderes beinhaltet die Motivation für RWE-Spiel nicht, schon gar nicht wenn es mit unterirdischen Leistungen der Mannschaft in der vierten Liga gegen eine langweilige Zweitvertretung eines Bundesliga-Clubs geht. Mit Preußen Münster kam nun wenigstens ein einigermaßen vernünftiger Gästehaufen, meine Erwartungen von knapp 1.000 Gästen sollten sogar locker übertroffen werden. Mit Simon (without Garfunkel) ratterte ich per Regionalexpress und Linienbus zur Hafenstraße, an der ich freundlich in Empfang genommen wurde und mir sogleich ein Busplatz für die noch anstehende Fahrt nach Mannheim klar gemacht wurde. Weniger erfreulich nahm ich das Gruselkabinett aus Chemnitz (ein Neuner) und Austria Wien (sage und schreibe zwei Neuner) zur Kenntnis, die sich auf Einladung von UE und AGE in den Pott infiltriert hatten. Da wurden binnen weniger Sekunden alle Vermutungen von eingeschlafenen Glatzen-Kontakten oder ähnlichem über den Haufen geworfen. Und dazu also noch das so mit Unsympathischste, was Adolf-Hitler-County zu bieten hat (mal ganz davon abgesehen, dass die Ösis derzeit Werders sportlichen Kontrahenten auf internationalem Parkett darstellen). Durch den halben Abriss der Nordtribüne, ist es zum einen auf der Ost deutlich voller geworden, zum anderen ist der Gästeblock nun nur noch einen Steinwurf... äääh ein paar Meter von der Heimkurve entfernt. Über 3.000 Fans aus Münster waren also da, damit auch Saisonbestleistung für den Gästeblock. Zumindest quantitativ. Die beiden Gruppen - Curva links, Deviants rechts unter dem Dach - sangen größtenteils völlig unabhängig voneinander und schafften es nur selten die große Masse zu animieren. Warum die Ultras Essen mit Spruchbändern wie "Boxt euch doch mal, ihr Bastarde!" die nicht gerade unkomplizierte Ultràszenerie in MS versuchen zu veralbern verstehe ich nicht genau. Gerade aus einer Kurve wie Essen, in der es unter den Gruppen auch nicht gerade rund läuft, wirkt das ziemlich unglücklich. Ohnehin finde ich solch übertriebene Aufmerksamkeit überflüssig. Zeigt einfach nur, dass Münster noch immer hohe Wertschätzung in Sachen Ultrà hat. Dieses und ein weiteres Anti-SB in Richtung Ultra MS wurde vom Gästeblock übrigens komplett ignoriert.
Zu Spielbegin gab es von den Querulanten eine kleine Aktion, die RWE mit Blockfahne und Engelsfiguren in den Himmel lobte. Die Stimmung fand ich, vor allem zum Spielende hin ausgesprochen gut. Infolge der verdienten 1:0-Führung von RWE öffnete hier fast jede Kutte sein Mund und sang entschlossen mit. Bis, ja bis Preußen Münster in der 93. Minute noch einmal eine Ecke erhielt. Totale Angstblicke um mich herum, selbst die Ordner winkten bereits ab. Und Rot-Weiss wäre nicht Rot-Weiss, wenn es diesen Eckball nicht aus dem Sechzehner klären könnte. Stattdessen zog ein Schwarz-Weiß-Grüner beherzt ab und traf mitten hinein in die Wunde, in die auch schon Burghausen und Lübeck ihre Stiche setzten. Preußen-Torwart Buchholz flippte direkt vor der Ostkurve total aus, provozierte mit irgendwelchen Gesten die ohnehin schon aufgebrachte Meute, die darauf sämtliche Bierbecher, Feuerzeuge und PVC-Rohre auf ihn warf. Der anschließende Run von etwa zwanzig Leuten auf den Gästeblock konnte nur mit Mühe von den Ordnern unterbunden werden, ein älterer Fan schaffte es auf den Rasen und wurde vom Ordner am Schlafittchen gepackt. Sofort huschten ein paar Fäuste durch den Zaun, hielten den Ordner fest, der daraufhin den völlig verwirrten Fan laufen ließ - skurrile Aktion. Die Mannschaft holte sich für ihre insgesamt gute Leistung zwar einen Applaus ab, dennoch wird RWE mit aller Voraussicht auch noch Jahre in dieser Jauche-Liga spielen.
Die Gäste, hermetisch von zwei Reihen aus Wannen abgeriegelt, wurden in ihre Busse oder zurück zum Hauptbahnhof verfrachtet, währenddessen wir uns auf den Heimweg machten und einmal mehr in den zweifelhaften Genuss eines überfüllten, stinkenden Shuttlebus gelangten. "Kann es Schöneres geben? Ooooh RWE..."
Bilder: jawattdenn.de
13.10.2009, Grotenburgstadion
KFC Uerdingen - VfB Speldorf 3:5 n.E.
Welcome to KFC versus Speldorf! Okay, ja gut - auch hier hält der verquarkte Brägenmatsch immer wieder Einzug. Aber von einer Gammelpartie zu sprechen wäre nun auch wirklich untertrieben. 1.200 Zuschauer beim Hochsicherheitsspiel im Niederrhein-Pokal, das mit Hubschrauber in der Luft und einem utopischen Bullenaufgebot, das zumindest bei westdeutschen Sechsligisten seines Gleichen sucht. Ach du Scheiße, dank der am Wochenende zuvor hier ausgetragenen Schäferhund-Weltmeisterschaft (kein Witz!) fand die Partie unter übelsten Rübenacker-Bedingungen statt - glaube, es gab in 120 Minuten Pokal-Schlammschlacht ganze drei Pässe, die ohne Umwege ankamen. Die Heimkurve mit etwa 50 Leuten heute auf der Haupttribüne am Singen, solide. Von den etwa 70 Gästen aus Mülheim waren 30 erst nach 20 Minuten im Stadion, die Oberkörper frei ihr reichlich unkreatives Liedgut präsentierten, bis ein Böller die Bullen auf den Plan rief und es zu Festnahmen kam. Darauf hin verschwanden auch die restlichen "Lutscher", wie Krefeld sie zunächst betitelt hatte, unter wahren Solidaritätsbekundungen. Summa summarum war Speldorf also knappe 55 Minuten am Start. Das Spiel gewann der NRW-Ligist äußerst glücklich im Elfmeterschießen und trifft nun mit Rot-Weiss Essen auf den letzjährigen Finalgegner.
Ich suchte derweil mein Heil bei einer Tüte Aldi-Spekulatius, die es vor dem Spiel im Pre-Weihnachtsangebot für 85 Cent gab, yeah!
Bilder: RS & UK
09.10.2009, Jan-Louwers-Stadion
FC Eindhoven - Fortuna Sittard 2:2
Da die Sehnsucht nach einem pietätlosen Kurztrip mit dem Schmierer mal wieder ins Unermessliche gewachsen war und der Tank im Auto wundersamerweise auch noch mehr als halbvoll war, wurde kurzfristig der Freitagabend des Länderspiel-Wochenendes zur Unterhaltungs/Fußball-Mixtur auerkoren. In Duisburg wurde die Randale-Prominenz (Horst war auch noch mit von der Partie) eingesammelt und ehe wir uns versahen, waren wir schon in den Niederlanden. Fein gemacht für den Knaller FC Eindhoven gegen Sittard ging es in die kleine Hütte des Zweitligisten, von der eine Tribüne bereits fest in Gästehand war. Fortuna Sittard, die mit MVV Maastricht und Roda Kerkrade vor noch nicht all zu langer Zeit zum Mutantenverein "Sporting Limburg" hochgezüchtet werden sollten und nun die neue Erfahrung des Abstiegskampfes aus der zweiten Liga erlernen (erst seit der Saison 08/09 können Vereine aus der zweithöchsten Klasse absteigen), waren hier mit knapp 250 Gästen (zehn Zaunis) angerückt - sehr okay für den Freitagabend in Holland. Bis auf ein paar Schlachtrufe, die in extremst britischer Manier gesungen wurden, ähnelte der Auftritt jedoch der Vorstellung meines letzten Besuchs in Sittard, als man mit 0:7 gegen Maastricht auf den Sack bekam.
Nette Anekdote noch zu den Fans: Durch finanzielles Mismanagement befand sich der Verein nahe am Rande des Bankrotts. Nur durch eine Spende der Fortuna-Fans, die in der holländischen Lotterie gewonnen hatten, konnte das Schlimmste verhindert werden.
Eine kleine Heimszene hatte sich in Form von 20 Jugendlichen (die beim PSV wohl nicht mehr akzeptiert waren) auf der Gegengerade formiert. Mal abgesehen von einem brennenden Tischtennisball gab es sonst hier wirklich nur Sachen zum Abgewöhnen.
Im Anschluss präschten wir noch mal in die City, um uns die obligatorische Frikandel Spezial einzuverleiben. Horst holte sich auch noch einen Döner. Goede nacht.
Zum Käse im September 2009