November 2009
21.11.2009, Dreisamstadion
SC Freiburg - SV Werder Bremen 0:6
Ein wirklich fabelhaftes Frühstück bei Anna und Markus sowie ein kleiner Spaziergang am Rhein entschädigten doppelt und dreifach für den etwas zu kurzen Schlaf. Falls ihr es noch nicht gecheckt habt: Ab jetzt gibt's hier nur noch Luxus-Tours - kein Auswärtsspiel mehr, dass zuvor ohne Mehrkornbrötchen, Quittengelee und Veuve Clicquot Brut angegangen wird! Folglich ließ ich mich auch mit der roten, spanischen Kutsche galant die zwei Stunden in den Breisgau bis vor den Gästeblock chauffieren. Autofahren in Freiburg ist übrigens gerade zu Bundesliga-Spielen ein fast aussichtsloses Unterfangen. Die Schwarzwaldstraße der "Grünen"-Hochburg ist von einem Schluckspecht (und damit mein ich nicht den ortsüblichen Clochard, der sich den Badischen gerade in den Rachen kippt, als viel mehr die Modelle der in Baden-Württemberg ansässigen Automarken) nach dem anderen zugestopft. Inzwischen war es zeitlich doch knapp geworden (um genau zu sein 15:23 Uhr), so dass auf eine kurze Begrüßung der Stadionverbotler ein flinkes Eindringen ins Stadion folgte.
Hier gab es neben Schweigeminuten für die verstorbenen Robert Enke und SC-Präsident Achim Stocker, für letzteren gab es auf allen vier Tribünen eine Gedenk-Choreographie, an der sich auch der Gästeblock beteiligte und zu der es keine nervtötende Beschallung aus den Boxen gab. Die Stimmung konnte ich, als jemand der auf der Gegengerade neben dem Gästesektor Platz nahm, als durchschnittlich bezeichnen. Okay, das Übermaß an von sich selbst überzeugten Rabatzmacher nach Spielschluss waren meines Erachtens vor allem dem phänomenal triumphierenden Sportverein und der daraus reslutierenden Jubelenergie, die ja im Prinzip nicht zum Erliegen kam. War aber auch heftig, wie Hugo Almeida (33', 57'), Marko Marin (55'), Mesut Özil (67'), Naldo (73') und Markus Rosenberg (82') den Aufsteiger zerlegten. Freiburg hatte wirklich nichts zu lachen an dem Tag. Wenn ich es mir andersrum überleg: "Spaß haben" und "Rote Wurst" passen auch einfach nicht zusammen, Ende und Aus!
Auf der Heimseite hat sich seitdem wir das letzte Mal hier waren wohl auch ein wenig getan. So sind die NBU aufgrund einer Flut an Stadionverboten immer mehr zurückgezogen und haben den Wilden Jungs weitestgehend das Feld überlassen, die aber große Mühe hatten etwas Vernünftiges oder gar Lautes durchs kleine Stadion zu jagen und bis auf ein.
Die Rückfahrt wurde diesmal mit dem Wochendticket angegangen, womit das Leben in Saus und Braus auch schon wieder ein jähes Ende fand. Mit der inoffiziellen Hinchada NRW ging es also über Karlsruhe und Mannheim zum Frankfurter Flughafen, der die beste Übernachtungsmöglichkeit zwischen den Alternativen Hauptbahnhof und FFM-Stadion bot. Ein paar dunkle, gepolsterte Liegen wurden auch fix ausfindig gemacht und so konnte der dreistündige Stopp einigermaßen ruhig überwunden werden. Schon mit dem Gedanken sich einen Last-Minute-Flug nach Nizza, Perm oder Seoul zu schnappen, plagten mich aber dann doch blöde Gewissensängste, die anstehende Klausur zu verpassen - also dem juckenden Hirn gehorcht und ab nach Hause.
20.11.2009, Carl-Benz-Stadion
SV Waldhof Mannheim - SC Rot-Weiss Essen 0:2
Mannheim-RWE auf einen Freitagabend, nur einen Tag vor unserem Auswärtsspiel in Freiburg. Es bedarf keines großartigen Geographiewissens, um zu erahnen, dass diese Konstellation die mit Abstand beste Zwischenstation und der köstlichste Appettitanreger für den Kick im Breisagau am Samstag war. Da kam das Angebot, mit Chaos Boys und Banda im Bus gen Quadratestadt zu reisen, gerade richtig. Wie immer eine grandiose Fahrt, nicht zuletzt dank des "Live and Let Die"-Kuratoriums, die bereits vor Passierung der Essener Stadtgrenze den internen und zollfreien Drugstore öffnete. Die gemütliche Fahrt verging wie im Dunste. Es ist ja nun auch wirklich kein Geheimnis, dass in diesen grauen Viertliga-Zeiten Busfahrten jenseits der NRW-Landesgrenze für Essen ohnehin ein Höchstmaß an Begeisterung entfachen. Wenn es dann nach über einem Jahrzehnt auch mal wieder zum Waldhof geht, die glücklicherweise ja in die Regionalliga West eingruppiert wurden, kommt das für den gemeinen RWE-Fan schon fast einem leckeren Europapokalspiel gleich. Essen und Mannheim besaßen ohne Zweifel die mit größten Hoolgruppen in West-Germany, wovon allerdings nicht nur aufgrund der hohen Polizeipräsenz heute nicht viel zu spüren war. Insgesamt rollten sechs Busse aus Essen an, darunter allerdings keine der Alten Garde oder der Löwen.
Mein erster Besuch im Carl-Benz-Stadion, das wirklich gefällt: Eng, steile Tribünen, kaum Firlefanz, allerdings keine Stehplätze hinter der dem Tor der Heimseite. Die Mannheimer Fan- und Ultraszene nimmt diesen Platz dennoch ein und schmückte die Traversen mit einer riesigen, blau-schwarzen Blockfahne Oberhalb gab es Schwenker und etwas Rauch - das Alles konnte dem Motto "Oldschool Fans" auf jeden Fall gerecht werden. Derweil leuchteten im halbvollen Gästeblock einige Blinkis und bengalische Fackeln sowie einige schön laute Böller, die laut UE'02 den schneidigen Leitspruch „Dem Waldhof treu ergeben“ in ein „Dem Waldhof Feuer geben“ umwandelten. Hübscher Beginn also auf auf beiden Seiten, im weiteren Verlauf gab's auch - vor allem von der Heimseite gab es aber nur viel zu selten was auf die Ohren, wenngleich man sich hier bewusst vom so genannten "New Ultra"-Style abwendet und lieber verstärkt die Gassenhauer aus den 90ern zum Besten gibt, in die auch Blumepeter miteingestiegen wäre. Alte Schule eben...
Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die UM noch ein Banner unterm Tribünendach hoch, dass als Reaktion auf eine UE-Choreo zu Saisonbeginn (unter dem damaligen Motto "Der Berg ruft" wurde neben Rucksackfranzosen, Mannheimer Blümchenflückern und einem Schalker Spanpferkel eine Seilbahn mit RWE-Fanatikern dargestellt) zu verstehen war: Braunbär knöpft sich UE-Männchen vor.
Aber was passierte da auf dem Feld? Rot-Weiss lag hier allen Ernstes in Führung und ließ hinten nur wenig anbrennen - ganz komisches Ding. In der zweiten Hälfte kam man zwar noch kaum aus der eigenen Hälfte und im Prinzip zählten viele schon die Sekunden bis zum Ausgleich runter, ehe Sascha Mölders in der 90. Minute sogar noch das 2:0 besorgte. Wie, was? Kein Gegentreffer in der Schlussminute? Gab's ja leider viel zu oft zu Ungunsten von Essen. Ließ den Gäste-Mob natürlich total entzücken, der noch mal mit zwei Bengalen und einem Zaunsturm für einen insgesamt wirklich guten Auftritt sorgte.
Für die Masse gab es im Anschluss einen fast einstündigen Bullen-Kongress auf dem Busparkplatz, denn auf den Straßen wartete bereits der kurpfälzische Tunichgut. Ein findiges Trio fand dennoch irgendwie den Ausweg und ratterte zügig in die heutige Behausung nach Kastel.
14.11.2009, Stadion Widzewa
RTS Widzew Lodz - ZKS Stal Stalowa Wola 3:0
Zurück nach Kaliska, von dort dann zu Fuß und mit der Tram nach Widzew. Schals, Trikots und Mützen von den Czerwoni (die Roten) wurden erst heraus geholt oder aufgesetzt, als die Kibice die Straßenbahn verließen. Widzew wird übrigens von vielen Lodzer nicht als Stadtteil anerkannt, vergleichbar mit der „Liäson“ Bochum und Wattenscheid. Während der Verein in der Stadt Lodz mit LKS auf Augenhöhe ist, genießt man im restlichen Land die größeren Sympathien, nicht zuletzt dank der Erfolge in den 90er Jahren. Auch in dieser Hinsicht können Vergleiche heran gezogen werden, bspw. zu Juventus oder Bayern München.
Die Einlasskontrollen waren heute mal wieder etwas intensiver, auch wer auf die Haupttribüne möchte muss sich einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen. Im ziemlich geil konstruierten Gästeblock schwirrten bereits ca. 400 Gäste herum (100x Rakow Czestochowa), zur Überraschung hing dort die „Ave Racovia“-Fahne von einem der Hauptfeinde Widzews, Rakow Czestochowa in vorderster Reihe. Die Heimkurve hatte als Konter die große Czestochowa-Fahne vom Widzew-FC ausgekrempelt und sorgte somit für den kleinen Nadelstich gegen die anwesenden Rakowiacy. Am anderen Ende der Tribüne hing wie immer eine Fahne von den Freunden aus Chorzow. Mit Einlauf der Mannschaften war die wirklich schicke Bude von Widzew auch annehmbar gefüllt und erzeugte sogleich eine geniale Atmosphäre. Während Stal Stalowa Wola sich auf typisch polnischen, eintönigen, aber durchaus lauten Support beschränkte, zauberte Widzew schon ne Etage höher auf der Tonleiter. Da kamen richtig schöne, melodiöse Sachen an, an denen sich fast immer auch die anderen Tribünen beteiligten. Das machte richtig Spaß hier. Gipfel des Ganzen war ein Lied, bei dem jede Tribüne nacheinander eine andere Strophe zum Besten gab – Wahnsinn! Zu Beginn der zweiten Halbzeit bestätigte Widzew den hohen Anspruch in Sachen Choreographien, in dieser Hinsicht kann Widzews Fanszenen getrost zu den fünf Gereifsten des Landes gezählt werden. Wie so oft in Polen nationalistisch und antikommunistisch angehaucht, wurde die komplette Heimkurve mit Folienbahnen bedeckt, die unter dem Motto „IHR HABT UNS DIE FREIHEIT GENOMMEN - ABER DAS POLENTUM KÖNNT IHR UNS NICHT NEHMEN - IHR HABT UNS DIE TRIBÜNEN GENOMMEN - ABER UNSERE MENTALITÄT KÖNNT IHR NICHT NEHMEN!“ ein geschlossenes Bild abgaben. Und weil es vor der langen Winterpause das letzte Spiel war, gab es gleich hinterher noch 13 Bengalische Fackeln. Auch wenn die Temperaturen immer mehr in den Keller gingen, hatte uns das Spiel wohlig warme zwei Stunden bereitet. Auf dem Rasen war die Partie des Tabellenführers gegen das Schlusslicht binnen 45 Minuten entschieden, endlich gab es mal schönen Fußball im gelobten Land zu sehen.
Nach Abpfiff feierte die Mannschaft mit den mit Fackeln hantierenden Fans den Jahresausklang, während Stalowka unter Polizeischutz aus dem Gästeblock geleitet wurde. Zweite Niederlage des Tages, nachdem das FWW 45-45 gegen Widzew bereits verloren ging.
Über den örtlichen Getränkehandel ging es wieder zurück zum Bahnhof Kaliska, von wo aus wir den Rückweg nach Küstrin antreten wollten. Die Tour lief bislang perfekt, ohne Problem, ohne Kompromisse. Auf ein Stelldichein mit LKS-Kanten im völlig verlassenen Bahnhofsviertel waren wir aber dann nicht vorbereitet. Den kilometerlangen Bahnsteig nutzten vier Eisenbahner-Module, um uns den Weg abzuschneiden, wobei zwei von vorne und zwei von hinten heran eilten. Mit wüsten Beschimpfungen der Polen und fragenden Gesten unsererseits zog sich das Schauspiel ungefähr 30 Sekunden in die Länge und jeder von uns stellte sich schon auf ein nächtliches Ustawka mit anschließendem Küssen der Bahnsteigkante ein, ehe sie uns verdutzt fragten, ob wir überhaupt polnisch sprechen würden. Kurzes Ende dieser aufregenden Szenerie: Die Frage wurde unsererseits verneint, ein Schulterklopfen folgte dem nächsten und alle gingen getrennte Weg. Ich würde fast schon von Kult sprechen, wenngleich ich natürlich froh war, noch mal davon gekommen zu sein. Gesprächsthema des Abends war also auch geritzt. Mit Umstieg in Kutno bestiegen wir wieder das rollende Schlafzimmer (erneut 15 € an den korrupten Schaffner für die gemütliche Pritsche), um pünktlich an der Grenze hinaus geworfen zu werden. Bei nicht mal drei Minuten Zeit zwischen Tiefschlafphase, alle sieben Sachen packen und Aussteigen war das quasi schon das höchste Level einer 100.000-Mark-Show - unfreundliches Gepöbel von der Ulla Kock am Brink der polnischen Eisenbahn inklusive. Via heißem Draht ging’s dann die letzte Stunde zurück nach Berlin.
14.11.2009, Stadion Miejski
MKP Boruta Zgierz - SAS Unia Skierniewice 0:2
Da ich bei einer Aufräumaktion in meiner Bude noch ein ganzes Bündel an polnischen Zloty-Scheinen fand, stand für mich früh fest, dass das spielfreie Wochenende im November noch mal für einen kleinen Trip über die Oder genutzt werden sollte. Endlich ging es dabei mal wieder von Berlin als Ausgangspunkt, um genau zu sein vom zu DDR-Zeiten wichtigsten Fernbahnhofs Berlins, Lichtenberg los. Die Zloty-Scheine hatte ich im Wirrwarr der Unordnung natürlich wieder zu Hause vergessen, aber es wird sicherlich nicht die letzte Fahrt nach Polen vor der Euro-Umstellung gewesen sein. Zu viert machten wir uns auf den Weg nach Lodz (sprich „Wuudch“), denn dort sollte an diesem Wochenende das einzige und letzte vernünftige Spiel innerhalb der ersten fünf Ligen stattfinden. Am Mittwoch (11.11., Nationalfeiertag in Polen), also zwei Tage vor unserem Abmarsch wurde hier noch rauf und runter gespielt, nun gibt es unterhalb der ersten Liga bis etwa Mitte März keinen Ligabetrieb, soweit der Winter für polnische Verhältnisse normal bleibt. Im Grenzort Kostrzyn erster Umstieg, Besorgung der Wochenend-Tickets und Geldwechsel (Fehlanzeige!). Da die Diesellok nach Warszawa aber unsinnigerweise nur einen völlig überfüllten Sitzwagon, dafür aber doppelt so viele, zumeist leere Schlafwagen hinter sich her zog, nutzten wir in einer Minute der Einsamkeit unsere Überredungskünste und sicherten uns für 15 Euro ein kuscheliges Sechs-Bett-Abteil. Die Moneten wanderten natürlich fix in die eigene Tasche des Schaffners, der uns auferlegte sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Die acht Stunden bis in die Hauptstadt waren nun purer Luxus: Gemütliche Betten statt versifftem PVC-Boden, dazu saubere Klos und das wunderbare Gefühl am nächsten Morgen ausgeschlafen zu sein. Gut, das Fenster hätten wir dann doch nicht so weit öffnen sollen. Als ich zwischendurch wach wurde pfiff mir der eiskalte Fahrtwind ins Gesicht, die Füße hingen halb aus dem Abteil. Kümmerte die Fraktion, die in den obersten Ligen lag natürlich kein bisschen, da wurde gemütlich weiter gegrunzt.
In Warszawa angekommen gab’s gleich das erste Highlight vor unseren Augen: Vor der Geldwechsel-Stube, in die wir gerade hineinspazieren wollten, prügelten sich zwei jugendliche Kanten mit einem Schlipsträger. Was nun hier die genaue Ursache war, wissen wir nicht. Jedenfalls bekam der Anzug-Mensch noch die halbe Pulle einer Zitronen-Limo über den Kopf geschüttet, während wir uns erstmal verwundert den Schlafsand aus den Augen rieben. Im Anschluss daran tauschte die Kantor-Kante uns die Euro, als sei nie etwas passiert. Sachen gibt’s...
In unserer Unüberlegtheit nahmen wir dann einen Zug, der nicht nach Lodz fuhr, sondern aus Lodz kam. Also am Bahnhof Wschodnia gleich wieder raus, ein Zapiekanka mit Ketchup zum Frühstück und zurück über Centralna in die drittgrößte Stadt des Landes (750.000 Einwohner), die abseits von den großen Hauptverkehrstrecken inmitten des Landes liegt. Am nach dem Stadtteil benannten Bahnhof Widzewa raus, zwei Kilometer Richtung Innenstadt an den schönsten Plattenbauten vorbei und schon konnten wir uns nach Erwerb einer Karta Kibica (ca. 2,5 €) die nötigen Tickets (9 €), für das 17 Uhr-Spiel Widzews gegen Stal Stalowa Wola besorgen. Da wir im Vorfeld noch eine Partie im Vorort Zgierz heraus gesucht hatten, schlugen wir schnurstracks die quer durch Lodz verlaufende Aleja Marszalka Jozefa Pilsudzkiego ein. Die sozialistische Bauweise dieser Stadt macht sich nicht nur an diesem hundert Meter breitem Korridor von Ost nach West bemerkbar. Allerdings weichen den Mietskasernen nun mehr und mehr moderne Einkaufs-„Galerien“. Bedeutend ist auch die jüdische Vergangenheit der Stadt: Ein großer Teil der Industrie war bis zum Krieg in der Hand von Juden. Das Ghetto Litzmannstadt wurde zur Zwischenstation für jüdischer Bürger/innen vor der Deportation in die Vernichtungslager. Von ursprünglich 250.000 Lodzer Juden überlebten nur 800. Heute befindet sich der größte jüdische Friedhof Europas in Polens Film-Hauptstadt („Hollylodz“). Vom multikulturellen Flair (Deutsche, Polen, Juden und Russen) ist hier heute wenig zu spüren. Die Fans der beiden populären Vereine LKS und Widzew, bezeichnen den jeweils anderen mit „Zydzew“ (abgeleitet vom polnischen Wort für Jude, auf den Vereinsname Widzew) bzw. „Pejsy“ (Peies, Schläfenlocken, die nach der Halacha von jüdischen Männern zu tragen sind), beschmieren Häuserwände oft mit dem Davidsstern, in dessen Mitte das Logo des Feindes gezeichnet ist. „Jude“ ist hier in quasi jedem Zusammenhang mit einer Beschimpfung gleichzusetzen. Dieser irrationale Antisemitismus kann nicht auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass vor dem Krieg in Widzew fast ausschließlich jüdische Bürger/innen gelebt haben und der erste Direktor von LKS ein Jude war. Vermutlich wissen sie selber nicht, warum sie den Feind als „Juden“ bezeichnen. Und es ist beileibe nicht so, dass der Antisemitismus sich hier nur auf Fußball konzentrieren würde…
Zwanzig Straßenbahnminuten später waren wir fast am anderen Ende der Stadt, genauer am Bahnhof Kaliska angekommen, an dessen Bahnsteige sich der geile LKS-Ground schmiegt. Nebenan trug die zweite Mannschaft in diesen Minuten ihr letztes Ligaspiel in diesem Jahr vor zehn zuschauenden Opas aus. Kurz um die Ecke geschaut und siehe da – in den 120 Sekunden die wir das Match beobachteten fiel sensationellerweise auch ein Treffer. Die viertel Stunde nach Zgierz hoch gerattert, dort kurze Ortsinspizierung (ganz klares Widzew-Gebiet), ehe wir nach kurzem Zick-Zack-Kurs die schlummernde Schüssel von Boruta Zgierz auf dem Radar hatten. Eintritt wollte man uns hier heute nicht abknöpfen, wäre für den miserablen Fünf-Liga-Kick auch echt vermessen gewesen. Stadion ganz nett (ca. 12.000 morsche Sitzplätze), Spiel unter aller Kanone. Daher zur Halbzeit auch Abmarsch in die gegenüberliegende Kneipe in der uns jeweils eine überaus fettige, im Durchschnitt unfassbare 38 Zentimeter messende Pizza serviert wurde. Die Frage, ob die Monsterteile vollständig aufgegessen wurden, erübrigt sich.
08.11.2009, Weserstadion
SV Werder Bremen - BV Borussia Dortmund 1:1
Das Heimspiel gegen Borussia Dortmund sollte eines dieser ungemein nervigen Sonntagnachmittagsspiele werden. Wegen der Anfahrt, die mit gelb-schwarzen Saufkanonen die in ihrer Abscheulichkeit saisonintern nur von Mönchengladbach übertroffen wurden. Wegen den Aussagen des Reederei-Geschäftsführer ("...der Besuch eines Werder-Spiels gewinnt einen noch größeren Event-Charakter..."), der die eigentlich schöne Idee, nämlich ab sofort, also seit dem Spiel gegen Dortmund mit der Fähre zum Weserstadion zu schippern, in dieser Art und Weise total verballert. Aber auch wegen des Kack-Spiels. Zwar blieb Werder zum elften Mal in Folge in der Bundesliga unbesiegt, spielte aber größtenteils unansehnlich und langweilig, ähnlich schwach wie gegen Austria drei Tage zuvor. Die Ostkurve legte hingegen einen für meinen Geschmack passablen Auftritt hin, vor allem die Eurodance-Welle schwappt derzeit aus den Anfeuerungen unserer Kehlen. A Touch of Class... ;-)
Wichtig: Dortmunds Gequake war natürlich des Öfteren zu hören, wenngleich bislang noch keine Szene die ungeahnten Vorteile des neuen Gästeblocks zu schätzen wusste. Nebenbei erwähnt ist das Wort "Szene" inzwischen auf meine private Hassliste gesetzt worden.
Alles in allem natürlich keine sonntagsspezifischen Dinge, aber irgendwo muss ich meine persönliche Abneigung gegenüber Spielen an Tagen, die ich doch eigentlich für Gratis-Seminarübungen zum "historischen Schwertkampf" einplane, heraus kotzen. Heja SVW!
Un ringraziamento per le foto
05.11.2009, Weserstadion
SV Werder Bremen - FK Austria Wien 2:0
Da die Gschichtl vom Weaner Auftritt in Bremen nu do schoa länga her is, gibt's hier a koa depattn Nudldrucker. I moan, s' wär quasi als ob mer oan Schusterlaiberl von gestern ois a Blunzn-Grestl kredenzn wird. Sei's drum: Die Gästeschar aus Wien hatte sich für den Trip ins Nachbarland besonders heiß gemacht und als allgemein gültigen Treffpunkt einen Biergarten in der Innenstadt als Anlaufpunkt gewählt, letztlich trieben sich Violette aber quer verteilt durch die City (Na da schau her!). Für mich eh uninteressant, da mein Hauptaugenmerk auf ein einigermaßen pünktliches Ankommen am Stadion lag, trotz Anstoßzeit von 21:05 Uhr. Dank ungehobelter Fahrweise und einem siebten Gang wurden die Kilometer dann aber auch im Nu abgespult, so dass wir ohne Schwierigkeiten auf dem Schlammparkplatz unweit der Weser Einzug hielten. Eine Kinderkarte sprang für mich auch noch ab und so ging es unter Wert ins Stadion, wo es zu Beginn eine gruppenübergreifende Aktion zur Würdigung der Stadionverbotler gab. Die Anzahl der in Bremen Ausgesperrten ist im Vergleich zu vielen anderen Szenen zwar gering, dennoch sollten die quantitativen Ausmaße erstmal in den Hintergrund rücken und Soli-Aktionen dieser Art nicht zu diskreditieren. Fest steht jedenfalls, dass die Tendenz klar steigend ist und es allein dadurch auch wichtig ist, für die Verhältnisse Aufmerksamkeit zu erregen.
Zunächst wurde ein großes grünes Herz über den Block gezogen, um dies anschließend zu zerreißen 23 Doppelhalter mit den Namen der Betroffenen empor zu strecken. In der Folge wurden die geplanten fünf Schweigeminuten auf drei gekürzt. Im Verlauf der nächsten 78 Minuten wurde ein standardisiertes Gesangsprogramm, leider viel zu leise und ohne wirkliches Feuer. Die späten Tore von Borowski und Almeida konnten da nur wenig ändern.
Zu Europacup-Heimspielen fühlt sich der Gästeblock dieser Tage ja zur Südtribüne hingezogen. An sich keine Veränderungen zum Bundesligaalltag zumal hier ja fast schon ne echte (!) deutsche Szene anwesend war, vom charmaten Wiener Akzent will ich erst gar nicht anfangen zu säuseln. De Woit is hoalt kloana, ois ma denkt. Die FORZA-VIOLA-Choreo in den Vereins- und Nationalfarben sicherlich wirkungsvoll und simpel. Aber liebe Ösis, eure Schmähgesänge gegen Rapid auch auf uns zu beziehen ist ja fast schon Blasphemie, hat mir selbst aber gefallen. Stimmungstechnisch war bei den Lilanen die erste Halbzeit also laut und mit reichlich "Anti" versehen, der zweite Durchgang erinnerte dann eher an Germknödel beim Opernball. Ein obligatorisches Gepöbel und Mosern des schwarz gekleideten FAK-Mobs gegenüber den wartenden Stadionverbotlern beendete diesen Tag einstweilen. Naja, wie sagte Gustav Mahler jüngst: "In Österreich wird jeder das, was er nicht ist."
Werder war durch den Sieg übrigens nach vier von sechs Spieltagen bereits für die K.o.-Phase qualifiziert. Auf Wiederschaun.
Un ringraziamento per le foto
Zu den Spirenzchen im Oktober 2009